Eine heiße Angelegenheit – der außerordentliche Bundesparteitag der AfD in Essen:

Eines schon mal vorab: Ob ein Parteitag oder was auch immer für eine Veranstaltung im Hochsommer anliegt – man sollte sie nicht in der Grugahalle in Essen durchführen. Die zwei Tage im Juli 2015, in denen die AfD sich in Essen u. a. zur Neuwahl des Bundesvorstandes zusammenfand, erreichte die Quecksilbersäule 35 Grad Celsius. Auch in der Halle selbst war es nicht viel besser – angeblich gab es Probleme mit der Klimaanlage. Die Atmosphäre in der Grugahalle war jedenfalls sauerstoffarm, völlig überhitzt und mit einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent einer Dampfsauna nicht unähnlich.

Noch schlechter als den AfD-Mitgliedern in der Grugahalle ging es nur dem Häuflein linksradikaler Gegendemonstranten, die am Samstag gegen 10.00 Uhr in der brennenden Sonne ihr Demokratieverständnis zum Besten gaben. Doch deren Durchhaltewillen hielt der Hitze nicht lange stand – als ich mittags mal kurz rausging, war keiner mehr da.

Parteitagsbroschüren - ziemlich vielfältig und gar nicht so recht passend zur begleitenden Propaganda in den Medien
Parteitagsbroschüren – ziemlich vielfältig und gar nicht so recht passend zur begleitenden Propaganda in den Medien
DSC_0015
Ein traumhaftes Wahlergebnis für Alexander Gauland

 

 

 

 

 

 

 

 

Möglicherweise schiebt Bernd Lucke die Wahlergebnisse der Bundesvorstandswahlen später mal auf die Sauerstoffarmut der Grugahallenluft und das Totalversagen der Klimaanlage. Er und seine Weckruf-Anhänger hatten jedenfalls von Anfang an einen schweren Stand. In seinen Redebeiträgen merkte man, das Lucke der Instinkt für die Stimmung und Wünsche der Mitgliedsbasis völlig verlorengegangen ist, z. B. als er das Phantom einer pauschalen Ausgrenzung von Muslimen an die Wand malte. Wo ein realistischer Anknüpfungspunkt für seine Befürchtung erkennbar sein soll, blieb Luckes Geheimnis. Wer zudem nach all den Erfahrungen der letzten Wochen als Bundesvorsitzender seinen als Spaltungsversuch wahrgenommenen „Weckruf-Verein“ noch beim außerordentlichen Parteitag verteidigt, der muss sich auch nicht über die lautstarke Empörung der Mitglieder wundern. Ein Wachmann, mit dem ich ins Gespräch kam und der die AfD bisher nur aus der Medienberichterstattung kannte, meinte jedenfalls erkennbar erstaunt, dass hier ja ganz normale Leute in der Halle wären, kein Haufen dumpfer Extremisten.

Ganz normale Leute also – wobei durchaus auch einige Ausnahmen ihren skurrilen Auftritt hatten, etwa als einer bei der Debatte über die Verwendung der elektronischen Abstimmgeräte meinte, die NSA könnte die Abstimmungen dann manipulieren. Sollte das geschehen sein, dann haben die Vereinigten Staaten offensichtlich ein großes Interesse an der Stärkung des patriotisch-konservativen Flügels der AfD gehabt. Die Weckruf-Anhänger um Lucke, die mit der „Abgrenzung nach rechts“ in den letzten Wochen eine Phantomdebatte geführt hatten, hatten hingegen keine Chance.

Vorsichtig ausgedrückt „seltsam“ war aus meiner Sicht auch die Bewerbung von Peter Streichan, der die Grünen auf Nachfrage als „pädophile Genderfaschistentruppe“ bezeichnete. Er hatte offensichtlich völlig verpeilt, dass nicht der politische Aschermittwoch stattfand. Bei aller berechtigten Kritik an den Grünen – dass dies kaum dem Umgangston eines Bundesvorstandsmitglieds – zumal in der medialen Öffentlichkeit – entsprechen dürfte, hätte Streichan eigentlich klar sein müssen. Zumal deshalb, weil er es während seines Berufslebens ziemlich lange bei der SPD ausgehalten hat und zwar nicht nur als einfaches Parteimitglied. Jetzt, nachdem ihn als Pensionär nun keine wirtschaftlichen Abhängigkeit mehr bindet, möchte Streichan offensichtlich als AfD-Bundesvorstandsmitglied das Podium für seine aggressiven Wutbürger-Einlassungen erhalten. Für ihn mag dieses“Dampf-Ablassen“ befriedigend sein, für die AfD wäre das aber eine schwere Belastung. Denn derartige Äußerungen sind der Treibstoff, aus dem die „Rechtsaußenkurs“-Diffamierungskampagnen gegen die AfD angetrieben werden. Entsprechend wurde Streichans Äußerung auch prompt ein paar Stunden später in entsprechenden Medienberichten als Beweis für den angeblichen neuen Rechtsaußenkurs der AfD angeführt. Leider war das einigen Parteimitglieder nicht klar, die Streichan trotz seines jahrelangen SPD-Hintergrundes und seiner Äußerungen ihre Stimme gaben, vermutlich weil sie die irgendwie lustig fanden. Gott sei Dank hat es aber nicht ansatzweise für die Wahl Streichans in den Bundesvorstand gereicht.

Lucke erklärt sich gegenüber Mitgliedern, die ihn zu überreden versuchen, nicht auszutreten
Lucke erklärt sich gegenüber Mitgliedern, die ihn zu überreden versuchen, nicht auszutreten
Luckes Abzug vom Bundesparteitag am Sonntagmittag
Luckes Abzug vom Bundesparteitag am Sonntagmittag

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntagmittag gegen 12.30 Uhr treten übrigens die ersten Gerüchte auf, Lucke sei aus der Partei ausgetreten und würde eine neue Partei gründen. Kurze Zeit später läuft er durch die Halle und es bilden sich Trauben von Pressevertretern und Mitgliedern, die gern erfahre wollen, ob dies wahr ist. Nach einer Unterbrechung und dem fehlgeschlagenen Versuch Luckes, an einem Saalmikrofon eine Erklärung abzugeben, zieht er aus dem Saal aus, gefolgt von einem Pulk Medienvertretern.

Im Laufe des Tages wurde der neue Bundesvorstand komplettiert. Er setzt sich nun aus Mitgliedern zusammen, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie erstens sowohl die Liberalen als auch die Konservativen gut vertreten und nicht gegeneinander ausspielen werden. Im Einzelnen sind dies die Vorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen, deren Stellvertreter Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Albrecht Glaser, Schatzmeister Klaus Fohrmann, stellv. Schatzmeister Bodo Suhren sowie als Beisitzer Julian Flak, Paul Hampel, Alice Weidel, André Poggenburg, Dirk Driesang und Georg Pazderski. Insofern haben sich die Strapazen für die Teilnehmer gelohnt und man darf endlich berechtigterweise hoffen, dass die AfD nach der Sommerpause wieder mit Sachthemen wahrgenommen wird.

Stefan Möller

One thought on “Eine heiße Angelegenheit – der außerordentliche Bundesparteitag der AfD in Essen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.